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Eisbär

Am Schmelzpunkt


Was zu verschwinden droht, wird Bild. Klaus Modick


Ein Stück Eis im Meer. Erst der Bär macht die Scholle zu einem Territorium. Ein ungastlich fragiles Gebilde bloß. Land, nicht von diesem Land, von ephemerer Gestalt, ein Bruchstück, Übriggebliebenes, immer im Begriff zu verschwinden, Übergangsobjekt in steter Latenz, aufzugehen und, bar jeder Form, eins zu werden mit den großen Wassern.

Der Bär, ein Eisbär, er lebt in dieser Welt, im arktischen Packeis, eine Antwort auf ihre Möglichkeiten, trotz der Fülle an Zumutungen.

Leicht denkt man an Anpassung, an Arrangement, er ist vielleicht eher das Ergebnis einer Aneignung. Der Bär hat wohl das richtige Format, er hat sich die Arktis angeeignet, er hat seinen Pelz gewechselt und sich, sein schmeichelhaft Bärenhaftes im Gepäck, gleich an die Spitze gesetzt. In dieser komfortablen Situation läßt es sich mit genug Speck auf den Rippen aushalten im Unwirtlichen. Diese geradezu lässige Art den Widrigkeiten zu trotzen, ist es allerdings nicht, was den Bären für uns einnimmt.

Was es ihm leicht macht, sich in unseren Herzen einzurichten ist der bären-typische Kuschelfaktor mit dem er mühelos seine Mordlust in etwas Putziges umzumünzen weiß – im Unglücksfall ist der letzte Blick, der in einen freundlichen Pelz mit Knopfaugenbesatz.

In besonderer Weise vermag es der Eisbär dem Niedlichen noch einen drauf zu setzen. Er kommt leicht ungelenk, tapsend in einem etwas zu groß geratenen Jumpsuit daher, dem zeitgeistigen Ausweis hemmungsloser Infantilisierung, und doch ist er ein Spitzenprädator, der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz.

Eisbär an Eisscholle, so wird die große Schmelze dem allgemeinen Schuldbewusstsein kredenzt – ein perfektes Bild, angesichts der reflexhaften Hemmungslosigkeit naiver Hingabe an ein Tier, dem der Arsch auf Grundeis gehen müsste, wäre es ihm nicht schlicht egal, so es ihm am Bewusstsein um seine Verfassung und deren Umstände mangelt. Allerdings steckt in diesem Bild ein nicht weniger kalter Zugriff auf die Verhältnisse, auch, wenn es zunächst berührt, wendet sich mit dem Framing der tragischen Idylle sogleich das Verhältnis zu ihr. Zwar wird das Thema unmittelbar greifbar, damit auch handhabbar, doch im nächsten Moment schon wechselt es in ein Objekt der Gewöhnung – in ein »Bereits-Gesehenes« – und schließlich eines des Ärgernisses, wenn zu oft bedient. Dies, die Ökonomie eines allgemeinen Wahrnehmungsprozesses, der sich im Speziellen, nämlich angesichts der Art, des Tempos des Umsatzes und der Menge des Angebotes aktueller Behauptungen die um die vorderen Ränge im Aufmerksamkeitscasting buhlen, beschleunigt. Den Durchsatz dadurch erhöhend, als der Anspruch, wie die Realisierung der Informationsdarbietungen eine Verknappung und gleichermaßen eine Prägnanz einfordert, die auf deutliche Bilder wie semantische Eindeutigkeit, um nicht zu sagen Schlichtheit, baut, bauen muss. Kurz, Ereigniseffekt und Signifikanzdiktat dominieren nicht nur die Debatten, sondern auch unser Informationsbedürfnis, welches nicht nach Angemessenheit fragt, sondern nach Würze in der Kürze: the Medium is the Message (Marshall Mc Luhan)

Dem Tier ist damit freilich nicht geholfen, im Gegenteil, man hat ihm einen Bärendienst erwiesen. Womöglich einen letzten, und das Bild, der Bär auf der Scholle, eines, das nach einer Weile auch dahinschmilzt, dürfte sein letztes Refugium sein. Und wenn heute in Bezug auf die Wahrnehmung der Zeit von Liquidität gesprochen wird, dann ist das Bild vom globalen Tauwetter die passende Metapher.

Eisbär

Am Schmelzpunkt


Was zu verschwinden droht, wird Bild. Klaus Modick


Ein Stück Eis im Meer. Erst der Bär macht die Scholle zu einem Territorium. Ein ungastlich fragiles Gebilde bloß. Land, nicht von diesem Land, von ephemerer Gestalt, ein Bruchstück, Übriggebliebenes, immer im Begriff zu verschwinden, Übergangsobjekt in steter Latenz, aufzugehen und, bar jeder Form, eins zu werden mit den großen Wassern.

Der Bär, ein Eisbär, er lebt in dieser Welt, im arktischen Packeis, eine Antwort auf ihre Möglichkeiten, trotz der Fülle an Zumutungen.

Leicht denkt man an Anpassung, an Arrangement, er ist vielleicht eher das Ergebnis einer Aneignung. Der Bär hat wohl das richtige Format, er hat sich die Arktis angeeignet, er hat seinen Pelz gewechselt und sich, sein schmeichelhaft Bärenhaftes im Gepäck, gleich an die Spitze gesetzt. In dieser komfortablen Situation läßt es sich mit genug Speck auf den Rippen aushalten im Unwirtlichen. Diese geradezu lässige Art den Widrigkeiten zu trotzen, ist es allerdings nicht, was den Bären für uns einnimmt.

Was es ihm leicht macht, sich in unseren Herzen einzurichten ist der bären-typische Kuschelfaktor mit dem er mühelos seine Mordlust in etwas Putziges umzumünzen weiß – im Unglücksfall ist der letzte Blick, der in einen freundlichen Pelz mit Knopfaugenbesatz.

In besonderer Weise vermag es der Eisbär dem Niedlichen noch einen drauf zu setzen. Er kommt leicht ungelenk, tapsend in einem etwas zu groß geratenen Jumpsuit daher, dem zeitgeistigen Ausweis hemmungsloser Infantilisierung, und doch ist er ein Spitzenprädator, der sprichwörtliche Wolf im Schafspelz.

Eisbär an Eisscholle, so wird die große Schmelze dem allgemeinen Schuldbewusstsein kredenzt – ein perfektes Bild, angesichts der reflexhaften Hemmungslosigkeit naiver Hingabe an ein Tier, dem der Arsch auf Grundeis gehen müsste, wäre es ihm nicht schlicht egal, so es ihm am Bewusstsein um seine Verfassung und deren Umstände mangelt. Allerdings steckt in diesem Bild ein nicht weniger kalter Zugriff auf die Verhältnisse, auch, wenn es zunächst berührt, wendet sich mit dem Framing der tragischen Idylle sogleich das Verhältnis zu ihr. Zwar wird das Thema unmittelbar greifbar, damit auch handhabbar, doch im nächsten Moment schon wechselt es in ein Objekt der Gewöhnung – in ein »Bereits-Gesehenes« – und schließlich eines des Ärgernisses, wenn zu oft bedient. Dies, die Ökonomie eines allgemeinen Wahrnehmungsprozesses, der sich im Speziellen, nämlich angesichts der Art, des Tempos des Umsatzes und der Menge des Angebotes aktueller Behauptungen die um die vorderen Ränge im Aufmerksamkeitscasting buhlen, beschleunigt. Den Durchsatz dadurch erhöhend, als der Anspruch, wie die Realisierung der Informationsdarbietungen eine Verknappung und gleichermaßen eine Prägnanz einfordert, die auf deutliche Bilder wie semantische Eindeutigkeit, um nicht zu sagen Schlichtheit, baut, bauen muss. Kurz, Ereigniseffekt und Signifikanzdiktat dominieren nicht nur die Debatten, sondern auch unser Informationsbedürfnis, welches nicht nach Angemessenheit fragt, sondern nach Würze in der Kürze: the Medium is the Message (Marshall Mc Luhan)

Dem Tier ist damit freilich nicht geholfen, im Gegenteil, man hat ihm einen Bärendienst erwiesen. Womöglich einen letzten, und das Bild, der Bär auf der Scholle, eines, das nach einer Weile auch dahinschmilzt, dürfte sein letztes Refugium sein. Und wenn heute in Bezug auf die Wahrnehmung der Zeit von Liquidität gesprochen wird, dann ist das Bild vom globalen Tauwetter die passende Metapher.

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