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Stummer Diener

„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!" Friedrich Nietzsche aus »Die fröhliche Wissenschaft« (1882)


Der Physiker Niels Bohr hatte ein Hufeisen über seiner Tür hängen. Als ein Gast ihn erstaunt fragte, ob er als Wissenschaftler etwa an diesen Aberglauben glaube, antwortete Bohr: „Natürlich nicht! Aber man hat mir gesagt, es funktioniert auch, wenn man nicht daran glaubt.“


Wie steht es um die Zeichen der Zeit – präziser, um die Zeichen in der Zeit, denn betrachtet man die Inhalte, die Relativität der Bindung zwischen ihnen und den Inhalten und schliesslich die Kohäsion oder Erosion von Verbindlichkeit auch auf der Wahrnehmungsseite, des Verhältnisses von Inhaltszuschreibung, Sinn und Deutungshoheit, dann entfalten sich von selbst auch die Zeichen der Zeit. Zur Betrachtung eignet sich im Grunde jeder Gegenstand in Bezug auf die Bewertung seiner Zeichenhaftigkeit – Gegenstände verstanden als Zeichen, Zeichensysteme und "Dinge" der Objektivationen von Ansichten und Absichten. Besonders interessant sind einzelne Gegenstände, Gegenstandsgruppen oder Zeichensysteme in der Krise, solche die sich exponieren, weil sie im Begriff stehen sich radikal zu ändern oder gar zu verschwinden.

Am Beispiel der Spiritualität und der damit im Zusammenhang stehenden Zeichenkultur insbesondere des sakrosankten Gegenstandes, der Devotionalien, soll dies betrachtet werden. Denn mit der Götterdämmerung der Aufklärung sind sie nicht einfach mit den verknüpften Inhalten und ihrem konstitutionellen Gewicht als gesellschaftspolitische Medien der Identitätsstiftung verschwunden, im Gegenteil, der Reiz des ehedem Phantastischen, welches an ihnen haftet, läßt sie geradezu auferstehen in einem blühenden Marktsegment des Dekorativen  – hier ist nichts heilig und jedes Mittel recht, solange es zur allgemeinen Verhübschung beiträgt.


Die Attraktivität des Mystischen wird gespeist sowohl aus einer Reminiszenz an Zeiten unverbrüchlicher, wie unhinterfragbarer, sakrosankter Eigenschaften – diese trugen zum Selbstschutz, Signum und Siegel der Tabus – als auch durch ein Bewusstsein eines unwiederbringlichen Verlustes verbunden mit einer Sehnsucht, der nach dem Obskuren, das einherging mit dem Verschwinden einer Welt der Ungeheuer und des Ungeheuerlichen, der Dämonen und Götter, der wirkmächtigen Schatten die sich verflüchtigten im Lichte der Aufklärung. Bemerkenswert ist, dass mit dem Verlust des Obskuren, dessen Attraktivität sich interessanterweise aus einem Unkonkreten, Diffusen speist, als Alternative nicht etwa ein Konkretes zum Vorschein kommt, eine (Er)Klärung der Verhältnisses durch Tatsachen, als ein glaubensunabhängiger Beitrag zur Emanzipation des Wissens und des Individuums, sondern schlicht eine Leerstelle.

Das heilige, exklusive und tabuisierte Objekt entledigt sich der sakralen Funktionen, entblößt den Alltagsgegenstand und entläßt ihn ohne genaue funktionale Orientierung. Befreit tritt das Objektästhtetische in den Vordergung begleitet von einem indifferenten spirituellen Restwert einer billigen Aura die von Herkunft und Bedeutung spricht. So entlehrt, läßt es sich ganz nach Geschmack mit allem befüllen, was gefällt.


In dem vorliegenden Fall tritt aus dem Schatten des Götzenhaften ein stummer Diener. Ein Objekt das im formalen Bezug auf Max Ernsts Skulptur »Capricorne« eine Weiterführung der Profanierung darstellt, als es das Objekt weiter banalisiert – bereits Klee entläßt den Gott aus dem Götzenbild – formal reduziert und, als Chiffre behandelt, wird es vom Kunst- in den Designkontext überführt. In Bezug auf Totems buddhistischer und hinduistischer Prägung kann das Objekt »bekleidet« werden, eine Geste, die die Säkularisierung insofern unterstreicht als es, erstens, den rituellen Aspekt der Handlung am Objekt zwar de facto nachvollzieht und doch gleichermaßen als reine Geste völlig ausschließt. Zweitens, ist das Objekt als Radiator konzipiert - eine Reminiszenz an den positiv »wärmenden« Charakter spiritueller Erfahrung, übersetzt in einen profanen Wärmespender.

Stummer Diener

„Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!" Friedrich Nietzsche aus »Die fröhliche Wissenschaft« (1882)


Der Physiker Niels Bohr hatte ein Hufeisen über seiner Tür hängen. Als ein Gast ihn erstaunt fragte, ob er als Wissenschaftler etwa an diesen Aberglauben glaube, antwortete Bohr: „Natürlich nicht! Aber man hat mir gesagt, es funktioniert auch, wenn man nicht daran glaubt.“


Wie steht es um die Zeichen der Zeit – präziser, um die Zeichen in der Zeit, denn betrachtet man die Inhalte, die Relativität der Bindung zwischen ihnen und den Inhalten und schliesslich die Kohäsion oder Erosion von Verbindlichkeit auch auf der Wahrnehmungsseite, des Verhältnisses von Inhaltszuschreibung, Sinn und Deutungshoheit, dann entfalten sich von selbst auch die Zeichen der Zeit. Zur Betrachtung eignet sich im Grunde jeder Gegenstand in Bezug auf die Bewertung seiner Zeichenhaftigkeit – Gegenstände verstanden als Zeichen, Zeichensysteme und "Dinge" der Objektivationen von Ansichten und Absichten. Besonders interessant sind einzelne Gegenstände, Gegenstandsgruppen oder Zeichensysteme in der Krise, solche die sich exponieren, weil sie im Begriff stehen sich radikal zu ändern oder gar zu verschwinden.

Am Beispiel der Spiritualität und der damit im Zusammenhang stehenden Zeichenkultur insbesondere des sakrosankten Gegenstandes, der Devotionalien, soll dies betrachtet werden. Denn mit der Götterdämmerung der Aufklärung sind sie nicht einfach mit den verknüpften Inhalten und ihrem konstitutionellen Gewicht als gesellschaftspolitische Medien der Identitätsstiftung verschwunden, im Gegenteil, der Reiz des ehedem Phantastischen, welches an ihnen haftet, läßt sie geradezu auferstehen in einem blühenden Marktsegment des Dekorativen  – hier ist nichts heilig und jedes Mittel recht, solange es zur allgemeinen Verhübschung beiträgt.


Die Attraktivität des Mystischen wird gespeist sowohl aus einer Reminiszenz an Zeiten unverbrüchlicher, wie unhinterfragbarer, sakrosankter Eigenschaften – diese trugen zum Selbstschutz, Signum und Siegel der Tabus – als auch durch ein Bewusstsein eines unwiederbringlichen Verlustes verbunden mit einer Sehnsucht, der nach dem Obskuren, das einherging mit dem Verschwinden einer Welt der Ungeheuer und des Ungeheuerlichen, der Dämonen und Götter, der wirkmächtigen Schatten die sich verflüchtigten im Lichte der Aufklärung. Bemerkenswert ist, dass mit dem Verlust des Obskuren, dessen Attraktivität sich interessanterweise aus einem Unkonkreten, Diffusen speist, als Alternative nicht etwa ein Konkretes zum Vorschein kommt, eine (Er)Klärung der Verhältnisses durch Tatsachen, als ein glaubensunabhängiger Beitrag zur Emanzipation des Wissens und des Individuums, sondern schlicht eine Leerstelle.

Das heilige, exklusive und tabuisierte Objekt entledigt sich der sakralen Funktionen, entblößt den Alltagsgegenstand und entläßt ihn ohne genaue funktionale Orientierung. Befreit tritt das Objektästhtetische in den Vordergung begleitet von einem indifferenten spirituellen Restwert einer billigen Aura die von Herkunft und Bedeutung spricht. So entlehrt, läßt es sich ganz nach Geschmack mit allem befüllen, was gefällt.


In dem vorliegenden Fall tritt aus dem Schatten des Götzenhaften ein stummer Diener. Ein Objekt das im formalen Bezug auf Max Ernsts Skulptur »Capricorne« eine Weiterführung der Profanierung darstellt, als es das Objekt weiter banalisiert – bereits Klee entläßt den Gott aus dem Götzenbild – formal reduziert und, als Chiffre behandelt, wird es vom Kunst- in den Designkontext überführt. In Bezug auf Totems buddhistischer und hinduistischer Prägung kann das Objekt »bekleidet« werden, eine Geste, die die Säkularisierung insofern unterstreicht als es, erstens, den rituellen Aspekt der Handlung am Objekt zwar de facto nachvollzieht und doch gleichermaßen als reine Geste völlig ausschließt. Zweitens, ist das Objekt als Radiator konzipiert - eine Reminiszenz an den positiv »wärmenden« Charakter spiritueller Erfahrung, übersetzt in einen profanen Wärmespender.

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